Ich möchte in diesem Post die Lesenden, im Sinne von Frau Meike, auf eine Reise in die Gedankenwelt am rechten Rand mitnehmen und gleichzeitig Menschen, die sich damit identifizieren, zum Nachdenken anregen.

Ich las neulich einen Text, der mich schlicht schockierte. Das kann doch nicht ernst gemeint sein, dachte ich. Krudes Gewürfel mit verschiedensten Verschwörungstheorien gespickt mit rechten Parolen. Kann es tatsächlich Menschen geben, die so einem Glauben anhängen? Es kann: Der Plan für das Ende Europas: Die neue UdSSR ist eine Manifestation dessen was man in den Mainstream-Medien nur als Volksverhetzung zusammengefasst bekommt. (Der verlinkte Text ist eine Übersetzung des englischen Originals von Jon Rappoport)

Ich werde im Folgenden schlaglichtartig auf einige Aspekte des Textes eingehen und kritisch hinterfragen.

Die Unterwanderung der Nation

Die Grundprämisse der Textes ist eine Verschwörung der "Eliten", deren Prinzip der "Globalismus" sei:

[...] keine Grenzen mehr, keine einzelnen Nationen mehr.

Die Europäische Union wurde für diesen Zweck, Schritt für Schritt aus der Asche des 2. Weltkriegs, aufgebaut: eine Mega-Bürokratie und ein politisches Managementsystem für den gesamten Kontinent.

[...] Es musste einen Weg geben, um unabhängige und souveräne Nationen bis auf die Grundfeste zu schleifen und um so die politische Landschaft unwiderruflich zu verändern.

Hier soll der Eindruck entstehen, der einzige Vorsatz der EU sei es, die Grundpfeiler, die Regeln und Werte, der europäischen Nationen "abzuschleifen" und uns alle geradezu diktatorisch zu beherrschen.

Gleichzeitig soll neben der nationalen Souveränität angeblich auch noch die Kultur aufgeweicht werden:

[...] ein Zustrom von Menschen, die nicht die Absicht haben die Werte und Lebensweisen ihrer neuen Heimat zu akzeptieren.

[...]

[In 20 Jahren wird man sich fragen:] Warum sprechen wir von Deutschland oder Frankreich oder England? Sie existieren eigentlich nicht mehr. Ganz Europa ist ein riesiges Mischmasch aus Einwanderern.

[...]

Auf kultureller Ebene werden Namen wie [...] Shakespeare, Goethe, Mozart, [...] nur noch staubige Erinnerungen sein [...].

Die Vergangenheit ist tot.

[...]

Alle europäischen Sprachen werden letztlich ausradiert werden. Wer hat das Recht Worte zu sprechen, die die Mehrheit der Menschen nicht verstehen kann?

Hier wird erst einmal das Fundament aufgebaut. Es setzt auf, auf bereits vorhandene und valide Ängste: Das Misstrauen und die Angst des einfachen Bürgers davor, von den "Eliten" abgehängt, ja verraten zu werden; die Angst vor dem fehlenden Mitspracherecht in immer höheren, immer weiter entfernten Institutionen; die Angst vor der Unterwanderung der Nation durch das Fremde, das sich nicht anpasst; die Angst vor dem Identitätsverlust im Meer aus Fremden.

Der Zusammenbruch von Wirtschaft und Staat

Mit hineingemischt hat der Autor auch die Angst vor der großen Arbeitslosigkeit, die mit der fortschreitenden Automatisierung der Wirtschaft einhergeht, gespickt mit der Angst vor "Sozialschmarotzern" beziehungsweise vor dem Zusammenbruch der Wirtschafts- und Sozialsysteme:

[...] selbstverständlich werden viele „normale Bürger Europas“, wenn die Automatisierung weiter um sich greift, unnötig. Selbst große Konzerne werden zusammenbrechen, weil sie nicht in der Lage sind ihre Produkte an eine verarmte Bevölkerung zu verkaufen.

[...]

Wie viele werden mitmachen und ihre Zukunft als eine Funktion mit der Frage, wie viel sie vom Staat kostenlos erhalten können, betrachten?

Das sind zugespitzte aber valide Befürchtungen, mit denen sich Politik beschäftigen muss, auch wenn sie das angesichts Tagespolitischer Ablenkungen nicht immer zufriedenstellend tut: Die Furcht vor den fehlenden Arbeitsstellen angesichts des Fortschritts; der Zusammenbruch der Wirtschaft und des Sozialsystems durch eine verarmende Bevölkerung (ist die Bevölkerung denn wirklich so arm?). Auch hier stecken jedoch, so kann man aus dem Text folgern, "die Eliten" dahinter. Klar, denn Automatisierung wird ja von Akademikern vorangetrieben. Die führen damit bestimmt etwas im Schilde.

Ein Bürgerkrieg, Staatsüberwachung und die neue UdSSR

Diese Ängste sind für sich allein genommen nicht verwerflich, betreffen sie doch grundlegende politische Probleme unserer Zeit. Auf ihnen aufbauend versucht der Text jedoch Parallelen zur Diktatur, zum Sowjetregime, dem alten Feindbild aus dem kalten Krieg, zu ziehen:

Natürlich wird es, um diesen Punkt zu erreichen, zu Chaos und Gewalt kommen. Die EU setzt auf seine (sic!) Fähigkeiten dies kontrollieren zu können, es dort, wo notwendig, niederzuschlagen [...].

(Über den repressiven Staat, Anm. d. A.) Überläufer aus der alten Sowjetunion würden es in einem Augenblick erkennen, nachdem sie es selbst erlebt haben.

[...]

[...] Alle Macht vereint an der Spitze; reine Konformität (genannt „Einheit“) überall sonst. Die neue UdSSR.

Innerhalb dieses Narratives wird das Bild des repressiven Staates, aufgebaut durch die "Kollektivisten", gezeichnet, werden Andersdenkende angeblich ausgerottet:

Kollektivisten mögen ein Lippenbekenntnis zu den Gefahren der Staatsüberwachung abgeben, aber wenn sie verwendet wird, um Leute auszurotten, die sich eine bessere Welt basierend auf – unter anderem – offenen Grenzen nicht vorstellen können, dann ist das nur das Durchsetzen des Guten gegen diejenigen, die das nicht für sich selbst entdecken können.

Nachdem der Autor Ängste geschürt hat, wird offensichtlich worum es eigentlich geht: Die Öffentlichkeit wird angeblich manipuliert, Menschen aussortiert, die nicht die anerkannte Auffassung des Guten teilen, den Humanismus. Überhaupt hätten "die Eliten" angeblich den Humanismus bzw. "humanitären Altruismus" für ihre Zwecke entwickelt und als das Gute in der Gesellschaft etabliert.

Der Autor treibt so einen Keil zwischen die Menschen: Wer der Mehrheitsmeinung, den Werten der "Kollektivisten" nicht immer zustimmt, also o.g. Ängste hat, der werde ausgestoßen, ja geradezu zum Abschuss freigegeben.

Für Menschen, die sich davon überfordert fühlen, die fühlen, dass ihre Gemeinden auseinandergerissen werden, die sich persönlich bedroht fühlen, jeder der das fühlt, fühlt in der Tat eine verdeckte Operation, um Europa in eine neue Sowjetunion zu verwandeln und er hat in den Augen der Eliten „einen Bedarf an Umerziehung“.

Der Text schützt dieses Mem, indem er die "Umerziehung" durch die Eliten bereits voraussagt und sieht sich bewahrheitet in der Tabuisierung und Verdammung von Strömungen wie Pegida durch die Medien-Öffentlichkeit, wie sie bereits Frau Meike beschrieb.

Weiter werde Widerstand gegen die Zuwanderung, die Unterwanderung der Nation, kriminalisiert:

Eine Reihe europäischer Politiker erzählt in ihren Wahlkreisen: "Sie haben kein Recht sich der Flut der Zuwanderung aus welchen Gründen auch immer zu widersetzen. Dies zu tun, solche öffentlichen Erklärungen abzugeben, ist eine Straftat."

Mit diesem unzugeschriebenen Zitat bringt der Autor das Fass selbst bei den Zweiflern zum Überlaufen. Während mancher über ein solches Zitat vielleicht schmunzelt, sehe ich als ängstlicher Bürger Rot.

Das ist es was Menschen auf Demonstrationen "Lügenpresse" schreien lässt: Kanalisierte Existenzangst.

Ein Wort zum freien Geist und zum Glaube

Im Text, wie vermutlich oft bei Verschwörungstheorien, wird der freie Geist beschworen, der sich unabhängig vom Medien-Mainstream ein Bild der Welt machen soll, auch und gerade wenn "die Eliten" dieses unterbinden wollen. Dabei will der Text den Umkehrschluss aufdrängen: Weil wir aufdecken, dass die anderen nicht vertrauenswürdig sind, kannst du uns vertrauen! Dies ist ein wesentliches Element von Verschwörungstheorien: Öffentlichen Stellen und Medien ist grundsätzlich nicht zu trauen. Dies erzeugt ein Assage-gegen-Aussage-Patt, welches meist zugunsten der Verschwörungstheorie überwunden wird, indem geneigten Opfern ein einfacherer Glaube präsentiert wird, als der den die Medien propagieren.

Es handelt sich meiner Ansicht nach tatsächlich um einen religionsähnlichen Glauben. Das mag eine gewagte These sein, doch: Was ist Religion im Kern? Religion stellt dem Gläubigen ein Modell zur Erklärung der Welt zu Verfügung. Ein solches Mem hat meist den interessanten Spin, dass jeder der nicht daran glaubt, im Nachteil ist, oder sogar bekehrt bzw. geächtet werden muss. Zusätzlich gibt es meist direkte Handlungsempfehlungen, die der Errichtung einer besseren Welt dienen. In diesem Rahmen eingebettet mögen sich wertvolle Wahrheiten und sinnvolle Anleitungen befinden, oder eben auch nicht. Eine solche Verschwörungstheorie passt ebenfalls recht gut hinein.

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